Bilder aus Äthiopien...

Ein einzigartiges Land

Kulturelle und religiöse Vielfalt

In Äthiopien wohnen mehr als 80 verschiedene Völker und Volksgruppen. Anders als in Deutschland, wo wir alle die gleiche Sprache sprechen (mit Ausnahme einiger Dialekte und Sprachen, die dem Hochdeutschen verwandt sind), sprechen diese Völker unterschiedliche Sprachen. Manche dieser Sprachen unterscheiden sich so sehr wie beispielsweise Deutsch von Arabisch. Es ist demnach unmöglich, von einem äthiopischen Volk zu reden. So wenig wie es möglich ist, von einem afrikanischen oder einem asiatischen Volk zu reden.

Im Norden Äthiopiens leben die Amhara und die Tigre; diese beiden Völker machen einen großen Teil der äthiopischen Bevölkerung aus. Sie sind eng miteinander und mit dem eritreischen Volk verwandt. Sie gehören größtenteils zu dem orthodoxen Christentum an. Die Amhara bildeten über lange Zeit die soziale und politische Elite des Landes. Im Osten Äthiopiens leben die muslimischen Afar, Adal und Kereyu, und noch weiter gen Osten die Somali. Einige dieser Völker ziehen noch heute als Nomaden durch die Steppen und Salzwüsten Ostäthiopiens. Die zahlenmäßig größte Volksgruppe bilden die Oromo. Dieses stolze Volk besiedelt ein großes Gebiet, das sich von der Grenze zum Sudan im Westen bis zu den Nomaden im Osten und weiter bis nach Kenia im Süden zieht. Allein die Untergruppen der Oromo bilden eine faszinierende Vielfalt an Kulturen. Im Südwesten Äthiopiens leben Völker, die über Jahrhunderte von der Zivilisation der nordäthiopischen Kulturen unberührt blieben. Die viehzüchtenden Stämme, die in diesem Gebiet leben, gehen zum größten Teil den alten Naturreligionen nach.

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass Äthiopien ein Land von enormer kultureller, religiöser und ethnischer Vielfalt ist. Für unsere Arbeit bedeutet das eine nicht zu unterschätzende Herausforderung. Wir können ja nicht alle Sprachen lernen und alle Kulturen verstehen lernen. Unser Ziel ist es, so vielen Völkern wie möglich die Gute Botschaft weiterzugeben. Wie uns das gelingt, können Sie unter Evangelisten lesen.

Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts schaffte es das äthiopische Kaiserreich, sich gegen die europäischen Kolonialmächte zu behaupten. Dem Kaiser Haile Selassie gelang es, sein Reich zu einem starken, unabhängigen und modernen Staat aufzurichten. In dieser Zeit wurden die ersten evangelikalen Gemeinden durch vorwiegend amerikanische Missionare gegründet. Leider sollten dieser Aufschwung und diese Freiheit nicht von Dauer sein. In den 1970gern schaffte es eine kommunistische Bewegung mit Unterstützung der UDSSR den Kaiser zu stürzen und eine sozialistische Militärregierung aufzurichten. Unter der Herrschaft von Mengistu Haile-Mariam wurde das Volk unterdrückt, die Wirtschaft brach in großen Teilen zusammen und eine schreckliche Christenverfolgung begann, die den Samen der noch jungen evangelikalen Gemeinden im Keim zu ersticken drohte. Nach einem blutigen Bürgerkrieg und einer verheerenden Hungersnot brach das Regime in sich zusammen. Auch in dieser Zeit brannte sich Äthiopien als Land des Hungers und der Armut in das Gedächtnis der westlichen Welt ein. Anfang der 90ger Jahre begann sich die Lage in Äthiopien wieder zu stabilisieren. Die neue Regierung führte die Religionsfreiheit wieder ein, baute Schulen und Straßen, bemühte sich um Arbeitsplätze und versuchte Frieden und Ordnung mit strenger Hand durchzusetzen. In den letzten 25 Jahren wurde das Land immer wieder von kleineren Unruhen und lokalen Hungersnöten heimgesucht. Im großen Ganzen blieb die Lage jedoch stabil.

Armut

Trotz der Bemühungen der Regierung und vieler Hilfswerke weltweit bleibt Äthiopien bis heute eines der ärmsten Länder der Welt. Der überwiegende Teil der Bevölkerung lebt von der Landwirtschaft. Bis vor 50 Jahren konnte man alle 70 Jahre mit einer großen Dürre rechnen. Inzwischen wird der Osten Afrikas alle sieben Jahre von einer Dürreperiode heimgesucht. Was damals noch für weltweites Aufsehen gesorgt hatte, wird heute schon als Normalität hingenommen, „wieder einmal eine Hungersnot in Ostafrika“. Für die äthiopischen Bauern wird es immer schwieriger, die eigene Existenz zu sichern, und schier unmöglich, zu Wohlstand zu gelangen.

Oft werden wir gefragt, ob es den Afrikanern nicht besser ginge, wenn sie fleißiger arbeiten würden. Abgesehen davon, dass diese Rechnung auf vielen Ebenen viel zu kurz gedacht ist, lässt sie sich auf keinen Fall auf Äthiopien anwenden. Die Berghänge des äthiopischen Hochlandes werden schon seit Jahrhunderten zum Teil in mühsamer Handarbeit beackert. Die Bauern bauen ohne moderne Hilfsmittel große Dämme, um künstliche Seen anzulegen, die zur Bewässerung dienen sollen. Kein armer, unter Hunger leidender Äthiopier ist sich für eine Mühe schade, wenn es um das Überleben der eigenen Familie geht. Trotzdem ziehen ihnen regelmäßig Umstände einen Strich durch die Rechnung, auf die sie keinen Einfluss haben. Verändertes Klima, politische Unruhen, schwankende Lebensmittelpreise, Inflation und vieles mehr sorgen dafür, dass die Menschen sich aus eigener Kraft nicht aus ihrer Situation retten könne. Es ist so, als würde man einem Ertrinkenden auf dem Meer zurufen, er solle sich größere Mühe geben, ans rettende Ufer zu schwimmen, immerhin hätte das im Badesee zuhause ja auch geklappt.

Was ich an Äthiopien liebe

Bei all dem Elend hören wir oft die Frage, was denn so besonders an Äthiopien sei. Meine Antwort fällt in der Regel etwas länger aus. Ich erzähle von der vielfältigen Landschaft, den hohen Bergen und tiefen Täler, den weiten Ebenen, der lebensfeindlichen Salzwüste, die wie von einem fremden Planeten wirkt. Mir fallen die geschichtsträchtigen Orte ein, wie die Felsenkirchen aus dem 6. Jhd., die Schlösser von Gonder aus dem Mittelalter oder die hohen Stelen von Axum, die noch in der vorchristlichen Zeit zu Ehren der verstorbenen Könige errichtet wurden, die Altstadt von Harar, die neben Mekka, Medina und Jerusalem als eine der vier heiligen Städte des Islam gilt. Ich erinnere mich an die Ruhe und Abgeschiedenheit in den Bauerndörfern und an das Getümmel auf den Straßen der Stadt Dire Dawa. Es gäbe unzählige Orte und Momente, die die Reisen nach Äthiopien zu einem unvergesslichen Erlebnis werden lassen. Das, was ich persönlich am meisten vermisse, wenn ich in Deutschland bin, sind die Menschen, die mir immer mehr ans Herz wachsen: die Gemeinschaft mit den Geschwistern in den Gemeinden, die Zeit, die man sich füreinander nimmt.

Ich erinnere mich noch gut an einen Abend, an dem ich zusammen mit orthodoxen und muslimischen Dorfältesten und einem unserer Evangelisten in einer Lehmhütte saß. Wir haben uns bis spät in die Nacht über alle möglichen Dinge unterhalten, wir haben uns gegenseitig Rätsel gestellt (traditionell stellt man Rätsel, um die Weisheit des anderen auf die Probe zu stellen), und es war kein Problem, auch über unseren Glauben zu reden. Auf einer anderen Reise mit dem Auto über ein unwegsames Gelände fuhr sich unser Auto an einem Hang im Sand fest. Die umliegenden Bauern kamen uns, ohne dass wir darum gebeten hatten, sofort zur Hilfe und schoben mit uns zusammen das Auto mehrere hundert Meter den steilen Berghang hinauf.

Natürlich erleben wir auch Anfeindungen und Schwierigkeiten mit einigen Menschen in Äthiopien. Dennoch haben mich viele Erfahrungen tief beeindruckt. Ich bin auf jeder Reise gespannt, was ich wohl diesmal erleben werde. Meine persönliche Bitte ist es, dass Sie für die Schwierigkeiten in Äthiopien mitbeten. Gott kann Großes bewirken.

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Daten und Fakten

  • Amtssprache: Amharisch
  • Hauptstadt: Addis Abeba
  • Fläche: 1.104.300 km²
  • Einwohner: 96.633.458
  • Religionen: 65% Christen (davon 57% koptisch-orthodoxe Christen), 31% Islam, ca. 3% Stammesreligionen, 1% Andere
  • Verfolgungsindex: Platz 18 weltweit (nach den Informationen des Open Doors Weltverfolgungsindex
  • Ausländische Missionare in Äthiopien: 669 in 60 Missionsgesellschaften

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