Ein Volk mit Tradition

Die Oromo in Meta Robi und ihre einzigartige Kultur

Die Oromo sind der zahlenmäßig größte Stamm Äthiopiens. Während meines Theologiestudiums hatte ich die Gelegenheit diese Volk genauer kennen zu lernen. 

Seit acht Jahren arbeiten wir in Gebiet Meta Robi. Wir helfen den Gemeinden dort, indem wir die Evangelisten durch deutsche Paten unterstützen und sie durch regelmäßige Schulungen für ihren Dienst zurüsten.

Die Gemeinden in Meta Robi haben seit einigen Jahren verschiedene Schwierigkeiten, von denen viele das Thema Familie betreffen. Mein Vater bat mich, ob ich mich mit diesem Thema befassen könnte. Mein Vorschlag war, dass ich zuerst mehr über die aktuelle Situation in dem Gebiet, in den Gemeinden und in den Familien in Erfahrung bringen müsste. Dazu bin ich mit meinem Vater nach Meta Robi gereist und habe viele Gespräche mit Gemeindeältesten, Dorfältesten und Evangelisten geführt, die sehr offen waren und mir einen tiefen Einblick in ihre Kultur und ihr Leben ermöglichten. Dabei stieß ich auf ein sehr interessantes Phänomen, die Gadaa-Tradition.

Die Gadaa-Tradition

Meta Robi ist ein bergiges Gebiet nördlich von Addis Abeba. Das Volk, das dort lebt, sind die Oromos. Die Oromos sind der größte Stamm in ganz Äthiopien. Ihr Gebiet reicht vom Westen bis zum Osten und weit in den Süden Äthiopiens hinein. Die Oromos sind zu einem großen Teil muslimisch. Nicht so in Meta Robi. Die Oromos in Meta Robi wurden vor langer Zeit von den orthodoxen Amharen christianisiert. Heute sind fast alle Oromos in diesem Gebiet orthodoxe Christen. Auch wenn sie sich in ihrer Religion unterscheiden, verbindet alle Oromos aber eine Besonderheit. Die Oromos in ganz Äthiopien pflegen eine lang gehegte Tradition, durch die der Alltag und das Zusammenleben geregelt wird, die sogenannte Gadaa-Tradition. In dieser mündlichen Tradition werden sind alle Bereiche des Alltags geklärt: Ehe, Kindererziehung, die Verantwortung von Dorf und Gebietsältesten und vieles mehr.

Gadaa-Tradition und Blutrache

 

Unter vielen Völkern in Äthiopien ist die Blutrache ein großes Problem. Besonders im Straßenverkehr, aber auch bei der Feldarbeit oder im Haushalt kommt es immer wieder zu Unfällen, bei denen gerade die sterben, die den Unfall nicht verschuldet hatten. Wenn das passiert, muss der nächste Verwandte der Verunglückten seinen Tod rächen. Das bedeutet, er muss den Verursacher des Unfalls töten. Diese Sitte hat schon über viele Familien unsägliches Elend gebracht. Der Tod eines Menschen wird dadurch nicht wieder gut gemacht, dass man eine weitere Person tötet. Das Unglück wird dadurch nur vergrößert. Streng genommen gibt es die Blutrache auch unter den Oromos in Meta Robi. Die Gadaa-Tradition hat jedoch ein ausgefeiltes System, um damit umzugehen. Nehmen wir mal an, Tesfaye schlug mit der Axt Holz, dabei glitt ihm seine Axt aus der Hand und verwundete den Bruder von Habtamu tödlich. Einige Bauern waren Augenzeugen und können für Tesfaye aussagen. Gemäß dem Gesetz der Blutrache muss Habtamu nun seinen Bruder rächen und Tesfaye töten. Unter den anderen Völkern müsste Tesfaye nun fliehen und sich für den Rest seines Lebens vor Habtamu verstecken, auch wenn sie vorher gute Freunde waren. Nicht so in Meta Robi. Bei den Oromos kann Tesfaye stattdessen zum Dorfältesten fliehen. Dieser ist dann für sein Leben verantwortlich.

Der Älteste ruft nun die Familie des Verstorbenen und die Familie von Tesfaye und mögliche Zeugen zusammen. Die Zeugen sagen für Tesfaye aus und die Familien können sich selbst von der Unschuld des Angeklagten überzeugen. Dann handelt der Älteste einen Preis für aus, den Tesfaye an die Familie des Verstorbenen zahlen muss. Das Geld soll nicht das Leben bezahlen, sondern für den Verlust der Arbeitskraft des Verstorbenen aufkommen. Darum variiert der Preis auch je nach Geschlecht und Alter. Das soll verhindern, dass die Familie des Verstorbenen in die Armut abrutscht. Aber was wird nun aus Habtamu? Er muss doch eigentlich den Tod seines Bruders rächen. Der Dorfälteste ruft nun Tesfaye und Habtamu zusammen. Beide müssen nun eine Ziege schlachten und die Leber der geschlachteten Ziege mit einem Speer durchstoßen. Dabei muss Habtamu sagen „So wie die Leber dieser Ziege durchstochen wurde, so soll auch meine Leber durchstochen werden, wenn ich Tesfaye auch nur ein Haar krümme.“ Von diesem Tag an ist Habtamu für Tesfayes Leben verantwortlich. Zeugen haben mir berichtet, dass der Rächer und der Todschläger nach diesem Ritual eine engere Bindung haben als Brüder.

Gadaa-Tradition und christlicher Glaube

Durch diese Tradition ist die praktizierte Blutrache schon seit Generationen unter den Oromos in Meta Robi so gut wie ausgestorben. Wenn Menschen in Meta Robi zum Glauben an Jesus Christus kommen, wollen wir dieses Ritual, das für die Familien der Betroffenen sorgt und Frieden stiftet, natürlich nicht verbieten. Andererseits können wir ihnen sagen, dass sie keine Ziege mehr schlachten müssen; Jesus hat durch sein Blut die Grundlage für Vergebung und Frieden schon längst gegeben und seine Seite wurde für unsere Schuld durchstochen. Wir hoffen und beten, dass in Meta Robi immer mehr Menschen diese Vergebung für sich persönlich in Anspruch nehmen und dadurch wahrer Frieden zu den Oromos kommt.

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