Hilfe in Not

Äthiopien – das ist ein Land der krassen Gegensätze. Während das Land geistlich erblüht und viele Menschen zum Glauben kommen, wird Äthiopien auf der anderen Seite durch Krisen schwer geprüft. Eine dieser Krisen ist der derzeitige Bürgerkrieg im Norden, der ernste Formen annimmt. Der gläubige Präsident Dr. Abiy hat sich lange um eine friedliche Lösung bemüht, leider vergeblich. Und so sieht man nun Lastwagen mit jungen Soldaten durchs Land fahren, überall Bewaffnete, und die Waffen wirken gebraucht und abgenutzt – das macht das Bild umso erschreckender. Viele der jungen Soldaten sind Bauernsöhne, die einberufen werden. Ihre Familien sorgen sich sehr um ihre Söhne, denn schon nach wenigen Wochen Grundausbildung werden die jungen Männer in den Kampf geschickt. Ob sie zurückkehren, ist fraglich. Diese jungen Leute werden aber eigentlich auf den Feldern gebraucht. Die Landwirtschaft wird noch wie vor hundert Jahren betrieben, die Felder mit Ochsen gepflügt und mit der Hacke gepflegt. Da ist jede Hand wichtig, doch jetzt fehlen die kräftigen Bauernjungen auf den Feldern. Aber der Krieg hat noch eine weitere Folge: Die UN, die EU, die USA und das Rote Kreuz haben sich aus Äthiopien zurückgezogen und verweigern humanitäre Hilfe. Leidtragend ist jedoch die einfache Bevölkerung, auch unsere lieben Glaubensgeschwister. Gleichzeitig muss sich Äthiopien mit Corona auseinandersetzen. Die Corona-Maßnahmen waren dabei das größere Problem als die Krankheit selbst. Inzwischen sind diese auf Gesichtsmasken reduziert, denn die anderen Einschränkungen führten zu großer Arbeitslosigkeit und stürzten viele Familien in tiefe Not. Familien, die ein einfaches, aber ordentliches Leben geführt hatten, konnten plötzlich ihre Miete nicht mehr bezahlen und wurden obdachlos. Ja, ein Land wie Äthiopien hat kein soziales Netz, das solche Menschen auffängt – die Spirale nach unten hat kein Ende.

Als wäre dies alles nicht schlimm genug, kamen weitere Katastrophen hinzu. Große Heuschreckenschwärme fielen in mehreren Provinzen ein und zerstörten die Ernten. Die Felder wurden kahlgefressen, und wenn die Heuschrecken weiterzogen, blieb kein Grün mehr zurück. Unser Bibelzentrum liegt in einer Steppe, hier ist für die Heuschrecken nichts zu holen. Dennoch kamen immer wieder einzelne Tiere in unser Haus. Da saßen sie plötzlich an den Wänden, große, grüne Insekten. So vereinzelt sind sie harmlos, aber für mich waren sie ein Mahnzeichen und erinnerten an den Riesenschwarm, aus dem sie gekommen waren. Da wurden die Bilder der zerstörten Felder für mich lebendig. In anderen Provinzen waren es nicht Heuschrecken, sondern Dürren, welche die Ernten ausfallen ließen. Dadurch stiegen natürlich die Lebensmittelpreise ständig an. Unser Mitarbeiter, der für die Lebensmitteleinkäufe fürs Bibelzentrum zuständig ist, schüttelte verzweifelt den Kopf. Seine gesamte Planung funktionierte nicht mehr. Sogar Zwiebeln, ein preiswertes Produkt, wurden richtig teuer. Ich hatte schon davon gehört, dass die Heuschrecken ganze Felder davon aufgefressen hatten: erst das Grün, dann auch noch das Innere der Knollen.

Dann kamen ernste Nachrichten von Gemeinden auf dem Land. Aus der Provinz Shone riefen Brüder an und baten dringend um Hilfe. Die Gemeinde hatte ihr Äußerstes getan, um Essen zu verteilen, aber die Zahl der Familien, die nichts mehr hatten, stieg ständig an. Die Brüder drängten, denn einige der Hungernden waren bereits sehr schwach und in bedenklichem Zustand. Hier mussten wir sofort handeln. Wir konnten für die Gemeinde mehrere Säcke Mais organisieren, damit wenigstens den am stärksten betroffenen Familien geholfen werden konnte. Mais ist ein Grundnahrungsmittel, man kann dies Getreide mahlen und Brot daraus backen, aber auch zu Brei oder eine Art Pfannkuchen verarbeiten. Als unsere Mitarbeiter den Mais brachten, standen die hungrigen Geschwister aus der Gemeinde bereits da und warteten. Wie lange sie schon dort standen, weiß ich nicht, aber sie hatten Hoffnung auf etwas zu Essen. Viel zu geschwächt für große Freude, aber mit tiefer Dankbarkeit nahmen sie ihren Mais mit nach Hause.

Liebe Geschwister, eigentlich war es geplant, dass ich jetzt wieder in Deutschland sein sollte. Aber in dieser Notlage ist es mir unmöglich, hier alles liegen und stehen zu lassen. Ich habe beschlossen zu bleiben und mich um die Not der Menschen zu kümmern, soweit der Herr mir Mittel gibt. Zusammen mit zwei Mitarbeitern reise ich durch betroffene Provinzen und besuche dort Gemeinden, die Hilfe brauchen. In jeder Provinz möchte ich den zehn am schlimmsten betroffenen Gemeinden helfen, und in jeder Gemeinde jeweils fünfzehn Familien. Ich weiß, das ist nur wenig Linderung, aber ich möchte einfach das tun, was mir möglich ist. Die Speisung der 5.000 begann mit fünf Broten und zwei Fischen. Ähnlich geht es mir jetzt auch. Wir helfen durchgehend Menschen in Not, sorgen fürs tägliche Essen, soweit wir können. Daher sind unsere Mittel begrenzt – und das im Anblick einer grenzenlosen Not… Aber der Herr ist größer als die schlimmste Notlage, sein Arm ist nicht zu kurz, dass Er nicht helfen könnte. Er allein kann Segen schenken, aber der Herr will uns auch in diesen Segen einbeziehen, gerade wie den Jungen, der Brote und Fische brachte. Der Junge brachte, was er hatte, aber der Herr hat genau dies gesegnet und vermehrt. Bitte, betet darüber, und wenn es euch der Herr aufs Herz legt, helft unseren Geschwistern in Äthiopien. Einige von Euch haben bereits von dieser Not gehört und reagiert, daher kann ich nun mit der Nothilfe beginnen. Jetzt können wir mehr verteilen als nur ein paar Säcke Mais. In diesen Tagen geht meine Reise los in die erste Provinz. Ich bin so dankbar, dass es möglich ist, hier den Menschen zu helfen, dass der Herr dafür die nötigen Mittel geschenkt hat. Ich freue mich darauf, Mehl und Mais zu verteilen und damit den Menschen Hoffnung zu geben – bis die nächste Ernte kommt. Im letzten Jahr habe ich das auch schon so gemacht. Damals haben mich viele gefragt, woher ich denn komme. Ich erzählte ihnen, dass ich aus Deutschland komme und erklärte den Menschen, dass das, was ich für sie mitgebracht habe, von deutschen Glaubensgeschwistern stammt, die an sie gedacht haben. Da habe ich manche Tränen der Freude erlebt! Die armen Menschen fühlten sich vergessen, aber nein, da waren Gläubige in einem fremden Land, die haben an sie gedacht – welche eine wunderbare Verbindung im Herrn. Dieser Gedanke hat den Menschen so gut getan, das war wohltuend für ihre Seele, und die Speise war für ihren Leib.

Ich grüße euch herzlich aus Äthiopien, der Herr segne euch!

Euer Shimeles Retta

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Evangeliums-Mission Äthiopien e.V.